Die Menschenfreundlichkeit Gottes weitergeben

Predigt am ökumenischen Gottesdienst, 30.10.2011, Kirbe-Zelt Unterjesingen von Prof. Bernd Jochen Hilberath

Predigttext: Mt 18, 23-35

 Liebe evangelische und katholische Christenmenschen, die ihr zur ökumenischen Feier der Kirbe hierher gekommen seid!

 Sie feiern Kirchweih am Tag vor dem Reformationstag und vor Allerheiligen. Warum sollten wir nicht dieses als ökumenisches Doppelfest feiern? Aber sind wir schon soweit? Oder sind wir schon weiter, so dass das gar kein Thema mehr ist?

Oder feiern wir vorläufig nur die weltlichen Feste gemeinsam? Heute, am 30.Oktober,wäre normalerweise der Weltspartag. Weil er aber auf einen Sonntag fallen würde und die Banken geschlossen haben, wurde dieser Weltspartag schon am Freitag begangen. Im Internet steht unter der Überschrift „Wann ist der Weltspartag?“ Folgendes zu lesen:

„Schön zu sehen: die Banken und Sparkassen, die den Weltspartag pflegen, gehören nicht zu denen, die durch faule Kredite und gierige Geschäftspraktiken die Krise verursacht haben.

So ist der Weltspartag auch 2011 ein Symbol für bodenständige, solide und ehrliche Geldgeschäfte.

Welche Banken in Ihrer Nähe den Weltspartag 2011 noch durchführen, erfahren Sie in unserem Verzeichnis.“

„Bodenständig, solide und ehrlich“ – so war vielleicht der Diener, von dem das Evangelium erzählt, er schulde einem Kollegen, also gleichfalls einem Diener, 100 Denare. Also ein Hundertstel dessen, was sein Gläubiger dem gemeinsamen Herrn schuldet. 100 Denare, das waren 100 Tage Arbeit im Weinberg, denn 1 Denar war der Tageslohn für einen Weinbergsarbeiter. Da können Sie ja mal durchrechnen, was das heute in Unterjesingen für eine Summe ergäbe…

„Faule Kredite und gierige Geschäftspraktiken“ – das passt doch zu dem Diener, der seinem Herrn 10.000 Denare schuldet. Das wären dann nicht gut 3 – 4 Monate Arbeit im Weinberg, sondern 300 bis 400, also mindestens 12 Jahre. 12 Jahre ohne Lohn.

Im Kommentar der Jerusalemer Bibel steht: „Mit Absicht wird eine unvorstellbar große und alle realen Verhältnisse übersteigende Schuldsumme genannt.“

Es geht nämlich in der Erzählung Jesu nicht ums Geld, wenngleich sich auch am Umgang mit dem Geld zeigen könnte, ob wir das Gleichnis verstanden haben. Was gibt uns das Evangelium, die Frohe Botschaft, zu denken und zu verstehen?

 

In dem Lied, das wir gleich im Anschluss singen werden, heißt es: „Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen.“

Wir feiern heute und morgen und übermorgen nicht den Weltspartag des lieben Gottes!

Es kommt nicht darauf an, wie viel wir auf dem Konto haben. Nicht einmal auf das Konto unserer guten Werke kommt es an! Für Jesus ist das selbstverständlich. Ja, es ist sein Lebensinhalt, der Kern seiner Gotteserfahrung, das Zentrum seines Glaubens: dass Gott sich nicht erst dann den Menschen gnädig zuwendet, ihnen einen neuen Anfang ermöglicht, Kraft gibt zum Überleben, wenn der Mensch entsprechend eingezahlt hat. Gott braucht unsere Überweisungen nicht. Im Reich Gottes gibt es kein Girokonto; im Reich Gottes braucht man kein Sparbuch.

Was für Jesus so selbstverständlich war, war auch der springende Punkt für die großen Theologen des Neuen Testaments. So schreibt Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Rom: „Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. Gott aber hat sein Leibe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren „ (Röm 5, 6-8).

Und im 1. Johannesbrief heißt es: „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat“ (4,10).

Was für Jesus selbstverständlich war und bei Paulus und Johannes entsprechendes Echo gefunden hatte, blieb nicht selbstverständlich in der Geschichte der Christenheit. Zu groß wurde immer wieder die Versuchung, sicher gehen zu wollen, dass Gott mich liebt und mich mit ewigem Leben belohnt, wenn nicht schon in dieser Welt sichtbar wird, dass ich ein von Gott Geliebter bin.

Auch die Einheit unserer abendländischen Kirche ist an dieser Frage zerbrochen: Was muss ich tun, um einen gnädigen Gott zu kriegen? Die Zeiten damals waren unseren nicht unähnlich. Nur ging es damals den Menschen eher ums ewige Leben, heute geht es eher ums Überleben. Für viele von uns – allerdings keineswegs für alle – heißt das, dass es darum geht, ob wir so gut wie bisher weiterleben können. Heute bangen wir um unsere Ersparnisse, um das, was wir in die Spardose werfen. Damals hofften die Menschen, dass es ihnen nützt, wenn sie für einen Ablass zahlen. Heute geht es um Schuldenerlass für Länder, die schlecht gewirtschaftet haben – damals ging es um Nachlass der Sünden für Menschen, die mehr schlecht als recht gelebt haben, vielleicht sogar große Sünder mit „gierigen Geschäftspraktiken“ waren.

Eine gierige Geschäftspraktik war allerdings der Ablasshandel auch. Ja, ich habe keine Hemmungen zu sagen: Da haben große Sünder kleine Schuldner ausgenutzt und betrogen!

Auch das diesem Grund war die Reformation fällig. Dass sich die Konfessionen dann wechselseitig an die Gurgel gingen, war möglicherweise historisch gesehen unvermeidlich; nichts desto weniger ist die Spaltung der abendländischen Christenheit die Schuld beider Seiten. Gewiss vor allem derer, die nur partiell reformwillig waren und ihrerseits dazu beitrugen, dass die guten Absichten der jeweils anderen Seite nicht gewürdigt wurden.

 

Ja, denn auch die, die auf die Werke des Menschen schauten, hatten gute Absichten. Die Tatsache, dass der Herr „die ganze Schuld erlässt“, bedeutet ja nicht, dass wir nun uns mit „faulen Krediten und gierigen Geschäftspraktiken“ durchs Leben schlagen sollen.

Die grenzenlose Vergebungsbereitschaft Gottes können wir uns nicht verdienen, wir brauchen sie nicht anzusparen, sie wird uns geschenkt – umsonst. Aber das hat dann Konsequenzen. Stellen Sie sich doch mal vor, Sie gewinnen bei Günther Jauch eine Million. Würden Sie die anschließend vergraben? Oder würden Sie nicht etwas damit machen wollen – für sich, aber doch auch für andere?

So ist es mit der Frohen Botschaft: Sie lädt uns ein, sie ruft uns auf, die Menschenfreundlichkeit Gottes weiterzugeben.

Die Reihenfolge ist wichtig: „Das Reich Gottes ist nahe. Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium.“ Also nicht: Bekehrt euch, damit das Reich Gottes kommen kann, sondern: Das Himmelreich ist schon da. Freut euch darüber. Teilt die Freude mit anderen, mit allen Menschen. Seid großzügig gegenüber den kleinen Schuldnern.

 

Das war den Altgläubigen, wie die späteren römisch-katholischen Christen zur Reformationszeit genannt wurden, ein Herzensanliegen. Allerdings wurde nicht immer deutlich, dass ein Leben aus dem Evangelium nicht die Vorbedingung, sondern die Folge dessen ist, was Rechtfertigung, Schuldennachlass, genannt wird.

Die Reformation lehrt auch, dass auch Menschen, die gute Absichten haben, aneinander vorbei reden können.

Inzwischen haben wir voneinander gelernt. Auch wenn wir unterschiedliche Gewohnheiten haben, brauchen wir nicht mehr einander die Rechtgläubigkeit absprechen. Wir singen ja gemeinsam im Lied, das es hoffentlich auch im neuen katholischen Gesangbuch geben wird: „Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.“

 

Das folgende Gebet könnten wir als Christen gemeinsam sprechen:

Hier sind wir, Herr, Heiliger Geist.

Hier sind wir, mit ungeheuren Sünden beladen, doch in Deinem Namen ausdrücklich versammelt.

Komm in unsere Mitte, sei uns zugegen,

ergieße Dich mit Deiner Gnade in unsere Herzen!

Lehre uns, was wir tun sollen,

weise uns, wohin wir gehen sollen,

zeige uns, was wir wirken müssen,

damit wir durch Deine Hilfe Dir in allem wohlgefallen!

 

Du allein sollst unsere Urteile wollen und vollbringen.

Denn Du allein trägst mit dem Vater und dem Sohne den Namen der Herrlichkeit.

Der Du die Wahrheit über alles liebst,

lass nicht zu,

dass wir durcheinander bringen, was Du geordnet hast!

Unwissenheit möge uns nicht irreleiten,

Beifall der Menschen uns nicht verführen,

Bestechlichkeit und falsche Rücksicht uns nicht verderben!

Deine Gnade allein möge uns binden an Dich!

 

In Dir lass uns eins sein

Und in nichts abweichen vom Wahren!

Wie wir in Deinem Namen versammelt sind,

so lass uns auch in allem, vom Geist der Kindschaft geführt,

festhalten an der Gerechtigkeit des Glaubens,

dass hier unser Denken nie uneins werde mit Dir,

und in der Welt, die da kommt,

für rechtes Tun wir ewigen Lohn empfangen!

 

Dieses Gebet war das tägliche Gebet der Bischöfe auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Auch deswegen sollten wir dieses Konzil nicht verraten. Vieles, was den Reformatoren wichtig war, ist hier in der römisch-katholischen Kirche offiziell zum Zug gekommen. Wir beten jetzt gemeinsam: „Ergieße Dich mit Deiner Gnade! – Du allein – Deine Gnade allein möge uns binden an Dich!“

 

„Du allein“: Das ist die Orientierung für unser Leben, unser Handeln. Das gilt gewiss und zunächst in unserem persönlichen, privaten, familiären Bereich. Das gilt auch für unser Miteinander in der politischen Gemeinde. Das gilt in noch anspruchsvoller Weise für unser Miteinander der christlichen Gemeinden.

Aber es gilt auch für die größere gesellschaftliche Dimension, so unüberschaubar sie uns scheinen mag, vor allem diese Welt der Finanzmärkte und der Börsen. Es ist – vom Evangelium her – nicht verrückt, wenn auch auf dem Weltmarkt oft eine Dummheit, dass wir die Botschaft von der Rechtfertigung auch gesellschaftlich und in diesem Sinn politisch verstehen. Die Kirchen sollten überhaupt sich weniger mit ihren internen Problemen beschäftigen, die – wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt – „die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“ der Menschen, der Menschheit in den Blick nehmen. Den Menschen die Solidarität zeigen, zu der der große Schuldner des Evangeliums nicht fähig, nicht willens war.

Unsere politischen Optionen werden im Einzelnen unterschiedlich sein. Aber ein unpolitisches Christsein können wir uns, dürfen wir uns nicht leisten! Überall, wo es Mitmenschen, Dienern wie wir, an die Gurgel geht, müssen wir aufstehen, protestieren, reagieren –  und wenn es geht, Abhilfe schaffen.

In der dritten Strophe unseres Liedes heißt es: „Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden. Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen – die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.“

 

Das Allerheiligenfest feiern wir, weil wir alle Heilige sind. Heilig gesprochen nicht durch den Papst, sondern von Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns geliebt hat, als wir noch Sünder waren. Aber richtig Allerheiligen feiern wir nur, wenn wir durch den Reformationstag hindurchgehen. Dieser Tag will uns nämlich darin erinnern, dass wir von aller Schuld befreit sind und deshalb nicht mehr zum großen Schuldner werden sollen, der dem Kleinen an die Gurgel geht.

Auch im Verhältnis der Konfessionen zueinander wollen wir uns vor „faulen Krediten und gierigen Geschäftspraktiken“ hüten, damit unser himmlischer Vater uns dereinst, wenn wir vor seine Heiligkeit treten, so behandeln kann wie einen Christenmenschen, der seinem Bruder, seiner Schwester von ganzem Herzen vergibt!

Amen.

 




Geist und Kirche

Pfingstliche Gedanken eines katholischen Christenmenschen - Pfingsten 2010, Barbarakirche



Karl-Josef Kuschel


Auf der Kanzel dieser Kirche zu stehen, bedeutet mir viel. Und zwar aus zwei Gründen. Es ist die Kirche des Ortes, in dem ich mit meiner Familie nun schon mehr als 20 Jahre lebe. Und wir leben gern hier, in diesem schönen Ammertal. Von meinem Arbeitszimmer aus der Blick auf die Wurmlinger Kapelle. Was will ich mehr? Wir haben viele freundschaftliche Verbindungen zu Menschen knüpfen können, die dem Namen „Unterjesingen“ einen warmen Klang geben. Und Sankt Barbara ist und bleibt das prägende Wahrzeichen unseres Dorfes. Wie oft habe ich den Turm von weitem begrüßt, wenn ich wieder „heim“ kam. Hier in dieser Kirche zu sein und auf den Kanzel sprechen zu dürfen, ist nicht selbstverständlich. Auch nicht, dass ich als katholischer Christ und Theologe dazu eingeladen bin. Für dieses Zeichen ökumenischer Gastfreundschaft möchte ich Pfarrerin Sabine Löw sehr herzlich danken. Ich schätze das, denn die Zeiten für Ökumene waren schon einmal besser. Da ist es wichtig, immer wieder neu Zeichen gemeinsamen Christseins zu setzen.


Von den möglichen Predigtterminen, die mir freundlicherweise angeboten wurden, habe ich bewusst das Pfingstfest gewählt. Denn wie an keinem anderen Fest wird hier und heute den Anfängen der „Kirche“ gedacht. Weihnachten? Da gedenken wir der Liebe Gottes zu uns Menschen. Ostern? Da feiern wir den Sieg Gottes über den Tod. Aber Pfingsten? Da geht es um Menschen, dievom Heiligen Geist so ergriffen sie, dass sie sich als eine Gemeinschaft erfahren und die Botschaft von Jesus Christus in die Welt tragen. Pfingsten – das ist das Gründungsfest von Kirche. Und über „Kirche“ möchte ich heute sprechen. Nicht über „die“ Kirche, sondern über „meine“ Kirche, meine Erfahrungen mit Kirche.


Der Kirche geht es nicht gut, keiner der beiden Kirchen in unserem Land. Deshalb ist es an der Zeit, darüber zu sprechen, warum bei aller Kritik Kirche wichtig bleibt. Warum mir trotz allem, was ich erlebe und weiß, Kirche wichtig ist. Ja, sicher: es gab schon bessere Zeiten. Das Jahr 2010 gehört ganz offensichtlich nicht dazu. Seit Jahren haben beide Kirchen Verluste zu beklagen. Eine schleichende Erosion ihrer Mitgliederzahlen. Seit Jahren ist auch ihr Miteinander gestört. Der soeben zu Ende gegangene. Ökumenische Kirchentag in München hat darüber nicht hinwegtäuschen können. Gewiss. Es war alles in allem gut, dass es ihn zum zweiten Mal schon gab. Schon allein deshalb, weil dadurch jedem, der nicht völlig verblendet ist, eine groteske Diskrepanz aufgefallen sein wird: Je mehr Gemeinsamkeiten zwischen den Kirchen in Fragen zum Beispiel von Diakonie und Gesellschaft sichtbar wurden, umso absurder, dass die Kirchenleitungen Gastfreundschaft bei Abendmahl nach wie vor zu verhindern wussten. Dass das nicht die Schuld der evangelischen Kirchenleitung ist, weiß jeder. Die Verantwortung dafür liegt in Rom.


Hinzu kommt eine nicht für möglich gehaltene Erschütterung vor allem der katholischen Kirche durch sexuelle Missbrauchsskandale in vielen Ländern der katholischen Welt. Was man kaum für möglich hielt, ist passiert: Das Kernpersonal der Kirche ist involviert: Priester, Ordensleute, ein Bischoff. Schlimmer noch: Das Kernethos der Kirche wurde verraten: Vergehen an Unschuldigen und schnöde Missachtung der Opfer. Das ist für die Betroffenen schlimm genug. Mittelfristig schlimmer sind die Wirkungen eines hier zutage getretenen Verhaltensmusters. Die Verantwortlichen der Kirche hatten vor allem die Interessen der Institution vor Augen, taten die Missbrauchsfälle als Einzelversagen ab. Das ließ sich nicht durchhalten. Statt zu agieren, reagierte man bloß, wehrte ab, beschuldigte die Presse und den allgemeinen Sittenverfall. Aufklärung musste abgenötigt werden. Erst unter dem massiven Druck der Öffentlichkeit begriffen die Verantwortlichen, wie sehr die Glaubwürdigkeit der Kirche als Ganze erschüttert ist. Erst dann begannen sie, Konsequenzen zu ziehen. Doch eine Austrittswelle aus der Kirche 2010 konnte dies nicht aufhalten. Der moralische Schaden für die Kirche ist unermesslich.


Keine Frage: es gab schon bessere Zeiten, über das Thema Kirche zu sprechen. Deshalb ist die Erinnerung an die Ursprünge so kostbar. Und ich liebe diese Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte, insbesondere um ihrer dramatischen Kontraste willen. Und die Szene ist ja auch von großer Dramaturgie. „Alle am gleichen Ort“ – 120 Personen in einem Raum. Wir kennen die Zahl aus dem Kapitel davor. Alle wie abgekapselt, wie eingesperrt. Sie waren ja auch isoliert, diese jüdischen Jesus-Anhänger. Sie glaubten an die Auferweckung eines Gekreuzigten und dessen Erhöhung zum Messias Gottes. Wie sollten sie da nicht auf Ablehnung stossen? Für die überwiegende Mehrzahl ihrer jüdischen Glaubensgenossen in Jerusalem war mit Jesus ein Verbrecher und Pseudo-Messias hingerichtet worden – aus politischen Motiven von den römischen Machthabern, aus religiösen Motiven von den hohen Repräsentanten von Tempel und Gesetz. Dass die „Brüder“es nicht wagten, sich als Anhänger eines solchen „Messias“ zu outen, ist begreiflich.


In diese Stimmung der Angst und Eingeschüchtertheit fährt eine Kraft von außen. Plötzlich. Unerwartet. Das ist das eine: Man hört das Brausen eines Sturms. Was für ein Bild! Und diese Kraft des Windes erfüllt alles, das ganze Haus. Mehr noch: Sturm und Feuer kommen gleichzeitig. Eine Feuerzunge für jeden, der sich da weggeduckt hatte. Das macht alles anders. Das kehrt alles um. Aus den furchtsam Verstummten werden Redende. Aus den Isolierten werden Beachtete, öffentlich Wahrgenommene. Auch andere haben den Sturm gehört. In Massen kommen sie zusammen. Es ist viel los in Jerusalem. Das Pfingstfest ist traditionell ein Erntedankfest für Juden. Da strömt man nach Jerusalem zum Tempel – aus allen Ecken der Erde. Viel Volk ist in der Stadt. Juden aus allen Völkern, auch sog. Proselyten, Menschen nichtjüdischer Herkunft also, die den Übertritt zum Judentum vollziehen wollen. Aber auch Menschen aus den Völkern: Römer, Kreter, Araber! Ein Völkergemisch und zugleich ein Sprachgemisch.


Und jetzt das zweite, was das Ereignis dieses Ur-Pfingsten für uns Christen unverwechselbar macht. Die eingeschüchtert-verstummten Jesusanhänger treten jetzt öffentlich auf und verkünden „Gottes große Taten“ so, dass alle sie verstehen. Einfachre Leute aus Galiläa sind sie, aber auf einmal kann jeder sie in seiner Muttersprache verstehen. Das ist nicht 1:1 zu nehmen, sondern wiederum ein wunderbares Bild. Es soll uns die künftig universalen Reichweite christlicher Verkündigung veranschaulichen. Die Botschaft von Jesus Christus ist universal verstehbar ohne Einheitssprache, ohne Einheitskultur. Sie kann von jedem Menschen verstanden werden ohne Grenze, ohne spezielle Voraussetzungen, ohne Lizenz. Warum? Es kommt alles auf die Ergriffenheit durch den Geist an. Damals in Jerusalem hat sich Ur-Fest des Geistes ereignet. Des Geistes Gotttes. Des Heiligen Geistes!


Ich spüre, dass ich in der Geschichte miterzählt bin. Dass diese Geschichte auch mich meint, mich einbezieht: meine Ängste, meine Resignation, meine Feigheit. Unter den Eingeschüchterten und Weggeduckten bin auch ich. Und ich spüre, warum ich diese Geschichte so liebe. Denn sie erzählt mir, was in der Ergriffenheit des Geistes uns Menschen trotz allem gelingen kann: Das Überspringen der Grenzen unsrer Angst und das Überspringen der Grenzen unserer eigenen Kultur, unseres eigenen Volkes. Das ist es, was wir an Pfingsten feiern dürfen: den Sieg von Gottes Geist über die Verzagtheit unserer Herzen und die stets neue Versuchung zur Vergleichgültigung unserer Sache. Wer Gottes Geist wirken lässt, der bekommt es mit den beiden stärksten Elementen zu tun: mit Wind und mit Feuer! Mit Energie und mit Sprache! Es tut gut, sich in Stimmungen bleierner Kirchenverzagtheit daran zu erinnern. Christen sind eine Gemeinschaft von Menschen unter dem Zeichen von Wind und Feuer! So war das ursprünglich gedacht. Der Heilige Geist ist kein Verwaltungsgeist, kein Kleingeist und Rechengeist. Er ist die Lebensenergie des Christ seins!


Das war schon am Anfang nicht selbstverständlich. Das hat schon damals die Menschen, wie es heisst, fassungslos, ratlos gemacht! Das hat Spott auf sich gezogen: Sind sie betrunken? Und Petrus hält in seiner Ansprache dagegen: Die Zeichen des ausgegossenen Geistes? Sie sind schon vom Propheten Joel vorgesagt worden. Jetzt passiert es – im Namen Jesu: Söhne und Töchter werden in der Kraft des Geistes „Propheten“ werden. Auch „Knechte und Mägde“! Jungen Männer? Sie werden „Visionen“. Alte? Sie werden „Träume“ haben. Eine wahrhaft Grenzen sprengende Kraft – dieser Geist. Er sprengt Generationsschranken: Söhne und Töchter, nicht die Eltern bekommen Prophetenstatus. Er sprengt Klassenschranken: Knecht und Mägde, nicht die Herren und Besitzer, werden Propheten. Er sprengt Altersmerkmale: Junge Menschen bekommen Visionen, von denen man es nicht erwartet. Alte bekommen noch Träume, die längst keine mehr haben. Welch ein Bild von Kirche! Das ist , was an Pfingsten geschieht und was sich im Geist immer wieder abspielen kann und soll, wo Christen versammelt sind. Diese Geschichte wird nicht erzählt als Märchen aus „uralten Zeiten“, sondern als eine Präsenzgeschichte des Geistes. Sie soll als erinnerte ergriffen werden. Ich bin miterzählt, mitgemeint.


Ich will Farbe bekennen. Hinter Theorien werde ich mich nicht verstecken. Geliehene Autoritäten werde ich nicht vorschieben, obwohl es mir professionell ein Leichtes wäre. Ich werde von meinen Erfahrungen mit Kirche berichten. Wer wie ich um das Jahr 1950 geboren wurde, hat einiges mitgemacht. Fünf Jahrzehnte habe ich bewusst mit Kirche gelebt – und fast alles erlebt. Und doch oder gerade deshalb habe ich nicht aufgehört, Kirche für zukunftsfähig halten. Ich habe Erfahrungen mit Kirche gemacht, die Bindungen geschaffen haben. Warum sollte ich das verschweigen? Bindungen ohne schon eingebautes Verfallsdatum, mit Widerstandskraft gegen Erosion, mit Resistenz gegen allzu schnelle Selbstauflösung.


Kirche verdanke ich zum einen prägende Erfahrungen von Gemeinschaft. In ihrem Raum lernte ich erstmals das, was man heute Sozialkompetenz und emotionale Intelligenz nennt. „Sozial“ in doppelter Dimension: Nach innen als Erlebnis von Gleichgesinntheit und Gleichgestimmtheit. Die Erfahrung, mit anderen Menschen eines Geistes zu sein, ist wichtig. „Kirche“ hat mich dabei auch immer wieder vor abgehobenem Autismus bewahrt, dem vor allem Funktionäre und Intellektuelle gern verfallen. „Kirche“ kann auch funktionieren als Narzissmusprophylaxe: Ich bin nicht besser als andere, die auch auf dem Weg sind. Nach außen als Einsatz für Bedürftige, an den Rand Gedrückte, Abgeschobene, Ausgegrenzte. „Kein Christ wird arbeitslos, wenn er oder sie christlich zu handeln beginnt“, dieser Satz, den ich später beim Schriftsteller Heinrich Böll fand, bringt es auf den Punkt. Es ist das Kernethos der Bergpredigt, das Christen Zukunft gibt. Oder sie haben keine, die diesen Namen verdient. Es ist die Botschaft von wiederkehrenden Christus, niedergelegt im Matthäusevangelium, Kapitel 25, die Zukunft freisetzt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.“ Es sind die Werke der Barmherzigkeit, an denen Christsein gemessen wird. Oder es ist kein Christ-sein. Ist fromme Fassade, statt Kernethos.

Kirche verdanke ich zum zweiten ein mich bis heute prägendes Menschenbild. Zugegeben: Man braucht für all das, was ich jetzt sage, nicht exklusiv „die Kirche“. Man kann es auch anderswo hören, aus anderen Quellen beziehen, sich von anderen Autoritäten sagen lassen. Aber ich habe es nun einmal erstmals im Raum der Kirche gehört und danach immer wieder gehört. Allen gegenteiligen gesellschaftlichen Trends zum Trotz: Menschen gehen nicht auf in ihren sozialen Rollen und gesellschaftlichen Funktionen. Sie haben eine unzerstörbare Würde, und sie haben unverfügbare Rechte. Dafür steht die auf das jesuanische Ethos verpflichtete Kirche, oder sie geht im Haifischbecken gnadenloser Ökonomie unter. Sie sollte in Lehre und Praxis immer wieder scharf die Differenz spüren lassen und zeigen: Es macht in der Tat einen Unterschied, ob man den Menschen als Produkt seiner biologischen oder sozialen Entwicklung rekonstruiert oder ihm zusagt, den „Atem Gottes“ in sich zu haben. Einen Unterschied, ob man den Menschen als eine Kombination von Bausteinen begreift oder als eine „persönliche Idee“ Gottes. Einen Unterschied, ob man den Menschen als ein Ensemble vorgefertigter Bilder bestimmt oder seine Würde gerade darin sieht, dass er in keinem Bild aufgeht, weder in ein Selbstbild noch in ein Fremdbild. Einen Unterschied, ob man den Menschen gnadenlos sich und gesellschaftlichen Verhältnissen überlässt oder ihn begreift als ein durch Gott bejahtes, geliebtes Wesen. Ich folgere daraus: Immer dort, wo dem homo oeconomicus, dem Bild des verzweckten Menschen kritisch das Bild des homo spiritualis, das Bild des geisterfüllten entgegen gehalten wird: immer dort blitzt Zukunft für Kirche auf.

Kirche habe ich zum dritten als einen Ort der Kultur erfahren. Ich stamme aus einer weitgehend von Arbeitern und kleinen Beamten geprägten Gemeinde des Ruhrgebiets. Unser Kirchengebäude damals – ein schlichter Klinker-Bau, nach dem Krieg rasch errichtet, weil die alte Kirche im Bombenhagel zerfiel. Kunstlos, schmucklos, geschichtslos, wie vieles im Revier. Die meisten Städte sind denn auch wenig älter als 100 Jahre. Welch ein Kontrast zu Unterjesingen. Sankt Barbara ist über 500 Jahre alt!. Von großer Geschichte, von langer Kulturtradition konnte dort, wo ich aufgewachsen bin (Oberhausen!), keine Rede sein. Gerade deshalb bleibt mir unvergessen: Es war die Kirchengemeinde, in der ich erstmals Gregorianischen Choral, Händels „Messias“, Messen von Haydn, Mozart und Schubert vernahm. Vorgetragen von einem Kirchenchor aus schlichten Laien, einfachen Menschen, die sich mit Leidenschaft der Musik hingaben und mir so Anschluss an die große Musikkultur Europas verschafften. Zwischen Stahlwerken Mozarts „Krönungsmesse“, im Angesicht von Zechen und Kohlenhalden Händels „Hallejuja“. Das waren Momente, wo sich Hörerlebnisse zu spirituellen Erfahrungen verdichteten. Seither ist Kirchenerfahrung für mich immer auch eine sinnliche Erfahrung großer Kunst: von Gregorianik über Bach bis Bruckner und Bernstein. Ob Musik, Malerei, Tanz, Literatur. Ich folgere daraus: Immer dort, wo Kirche zur Anwältin der Künste wird, gerade auch der sperrigen, unbequemen, aufstörenden Künste, hat sie Zukunft. Dann nimmt sie Menschen in ihrer Ganzheit ernst: dem homo oeconomicus stellt sie nicht nur kritisch das Bild von homo spiritualis, sondern auch vom homo aestheticus zur Seite: das Bild des sinnlich wahrnehmenden und ergriffenen Menschen gegenüber.

Kirche verdanke ich zum vierten eine Begegnung mit dem „Heiligen“. Darüber zu sprechen, ist nicht leicht. Die Rede vom „Heiligen“ klingt entweder anmaßend oder weltfremd. Gemeint ist etwas anderes: zunächst ganz elementar die Unterbrechung von Alttagsbanalität. Kirchen zu betreten, bedeutet Schwellenüberschreitung, Raumwechsel. Und dieser Raumwechsel von außen nach innen hat Folgen: Schauen, Verstummen, Inneneinkehr, Besinnung auf sich selbst, Sich Öffnen für eine andere Dimension. Oft sind ja die dichtesten Stunden nicht die der Liturgie, sondern die der wortlosen Betrachtung, der Schau nach innen, des stillen Gebetes. Auch die bewusst gestaltete Liturgie muss sich daran messen lassen und den richtigen Rhythmus finden aus Wort und Schweigen, aus Stimme und Verstummen, aus Gesang und Gebet, aus Ritual und Spontaneität. Menschen sind ja nicht nur wirtschaftliche, spirituelle und ästhetische, sondern auch liturgische, kultische Wesen, angewiesen auf „heilige Zeichen“, fähig zum Selbstausdruck in Ritus und Kultus. Ich folgere daraus: Wo immer Menschen die Begegnung mit dem „Heiligen“ als Befreiung erfahren, als Ausdruck der Würde und Schönheit ihres von Gott bejahten Lebens, überall dort hat Kirche Zukunft.

Die Kirche ist eine Gründung des Geistes und sie hört auf, Kirche zu sein, wenn der Geist in ihr erlahmt. Wenn statt Sturm und Feuer bleierne Gleichgleichgültig einzieht. Deshalb ist es heilsam, sich an Pfingsten zu erinnern: an das dritte Fest unseres christlichen Glaubens. An Weihnachten gedenken wir der Liebe Gottes zu uns Menschen. An Ostern dem Siege Gottes über den Tod, an Pfingsten der Kraft des Geistes Gottes, die Grenzen zu sprengen vermag.